Sprachbarriere Problem Nummer 1

Oberbergische Volkszeitung vom 14.04.2015
Die Flüchtlingshilfe Reichshof hat binnen viereinhalb Monaten schon viel bewegt. Rund 130 Flüchtlinge 30 verschiedener Nationalitäten beherbergt Reichshof zurzeit, weitere Zuweisungen werden nicht lange auf sich warten lassen. Von Torsten Sülzer

Bild: Treffen in der Kleiderkammer in Drespe: Stellvertretende Bürgermeisterin Susanne Maaß (l.) und Martha Torkler von der Evangelischen Kirchengemeinde Drespe mit den Asylbewerbern Abdul, Visar und Ahmed, deren Familiennamen auf Bitte der Flüchtlingshilfe ungenannt bleiben. Foto: Krempin

Anfang Dezember war’s, da trafen sich in Reichshof 70 Leute zu einem ersten runden Tisch. Die Fragestellung war: Wie kann den in der Gemeinde untergebrachten Asylbewerbern geholfen werden?

Die Antworten erwiesen sich erwartungsgemäß als vielschichtig. Und doch blickt die „Flüchtlingshilfe Reichshof“ heute, nach nur viereinhalb Monaten, auf eine äußerst erfolgreiche Arbeit zurück. Davon berichteten einige Beteiligte gestern.

Die Gemeindeverwaltung, erklärte Bürgermeister Rüdiger Gennies, war personell an ihre Grenzen gestoßen. „Wir fragten uns“, so Gennies, „wie ein ehrenamtliches Engagement aussehen könnte.“ Entsprechend froh sei er gewesen, als sich Susanne Maaß, stellvertretende Bürgermeisterin, der Sache angenommen habe und zum Runden Tisch einlud. Was sich seither entwickelt hat, bezeichnete Gennies als eine „bemerkenswerte Willkommenskultur“.

Immer weiter melden sich Menschen bei ihr, berichtete Susanne Maaß, um anzubieten, bei der Flüchtlingshilfe mitzumachen. „Ich hatte nicht geahnt, wie groß die Hilfsbereitschaft ist.“ Hilfe werde aber auch dringend benötigt.

Rund 130 Flüchtlinge 30 verschiedener Nationalitäten beherbergt Reichshof zurzeit, weitere Zuweisungen werden nicht lange auf sich warten lassen, ergänzte der Bürgermeister – der betonte, dass er Bund und Land in der Pflicht sieht, die finanzielle Mehrbelastung zu übernehmen.

Darauf kann natürlich niemand warten – umso wichtiger ist das freiwillige Engagement, das in Reichshof klappt. „Auch wenn es sich in mancherlei Hinsicht in der Praxis völlig anders entwickelt hat als gedacht“, so Susanne Maaß.

Was übrigens auch für einige der Helfer gilt. „Meine Frau und ich kamen zum ersten Treffen und wollten eine oder zwei Stunden pro Woche helfen“, sagt beispielsweise Gerhard Torkler. „Inzwischen sind es sechs Stunden am Tag“, fügt er lachend hinzu. Doch trotz der viele positiven Beispiele, von denen eines der positivsten vielleicht ist, dass Susanne Maaß bisher nicht ein einziges böses Wort gegenüber der Flüchtlingshilfe gehört hat, gibt es doch noch Baustellen, zum Beispiel in Sachen Sprachbarriere.

So auch bei Abdul. Er arbeitete vor seiner Flucht aus seiner Heimat in Syrien als Orthopäde. Auf die Frage, was für ihn nach seiner Ankunft in Reichshof das größte Problem sei, antwortet er: „Die Sprache.“ Da hapere es jeden Tag mehrmals. Und er ist noch gut dran, weil er Englisch spricht. Einmal pro Woche nimmt er am Deutschkurs teil. Mehr wird nicht angeboten.

„Man kann sich auch mit Händen und Füßen verständigen“, weiß Gerhard Torkler, der aber auch festgestellt hat, dass es da Grenzen gibt. Etwa bei Arztbesuchen, wenn es darum geht, dem Mediziner Beschwerden zu schildern.

Dabei sind das fast schon Probleme für Fortgeschrittene. Zuerst stehen Flüchtlinge vor niederschwelligeren Problemen: Woher bekomme ich etwas zum Anziehen? Die vor 20 Jahren eröffnete und ehrenamtlich geführte Kleiderkammer der evangelischen Kirchengemeinde Drespe, in der das Gespräch gestern stattfand, wird gerade erweitert – mehr Lagerraum täte aber Not.

Die Firma Meyer-Hosen half unbürokratisch aus, spendete 200 Hosen. Gestern sagte der Vorstand weitere Unterstützung zu, materielle, aber auch darüber hinaus: Per Aushang will die Firma Mitarbeiter suchen, die ab und zu beim Übersetzen von Briefen und Dokumenten helfen können, vor allem in Sprachen des ehemaligen Jugoslawiens. Denn daran hapert es zurzeit noch.

Ein Fest der Kulturen findet Sonntag, 31. Mai, im Burghof Denklingen statt.


Zurück zur Presse-Übersicht »