„Unsere neuen Nachbarn gehören zu uns“

Oberberg Aktuell vom 14.04.2015
Vor vier Monaten hat sich die Flüchtlingshilfe Reichshof gebildet - Organisatoren freuen sich über eine anhaltende Welle der Hilfsbereitschaft, trotzdem stößt man im Alltag immer wieder auf Grenzen.

Bild: Spender, Helfer und Flüchtlinge sind in Reichshof zu einer Gemeinschaft geworden. (Foto: privat)

Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern, heißt es in einem afrikanischen Sprichwort. Für Susanne Maaß, stellvertretende Bürgermeisterin Reichshof, beschreibt das Sprichwort auch ihre Gemeinde. Ende 2014 hat sie die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe Reichshof ins Leben gerufen. „Seitdem vergeht keine Woche, in der ich nicht neue Hilfsangebote aus der Bevölkerung oder den ansässigen Unternehmen bekomme. Ein böses Wort gegen die Asylsuchenden habe ich dagegen noch nie gehört.“

Über 120 Flüchtlinge aus rund 30 Nationen beheimatet die Gemeinde derzeit. Bürgermeister Rüdiger Gennies geht davon aus, dass sich der Zuzug in diesem Jahr weiter fortsetzen wird. „Wir erfahren erst sehr kurzfristig von der Ankunft neuer Asylsuchenden. Dann tut die Verwaltung was sie kann, aber ohne die ehrenamtliche Unterstützung könnten wir diese Aufgaben kaum bewältigen“, zeigte sich der Bürgermeister stolz über das Engagement seiner Bürger. „Hier wurde eine bemerkenswerte Willkommenskultur auf den Weg gebracht.“

In Reichshof leistet jeder die Hilfe, die er kann. Die 85-Jährige, die einmal pro Woche einen Kuchen backt und an die Flüchtlinge spendet, ist genauso willkommen, wie der Elektriker, der ehrenamtlich in den Unterkünften und Wohnungen hilft. Auch Unternehmen bringen sich ein: Die Firma Meyer-Hosen aus Denklingen hat kürzlich 206 Hosen gespendet, die nun in der Kleiderkammer der evangelischen Kirchengemeinde Drespe, die sich ebenfalls in der Flüchtlingshilfe engagiert, auf Abnehmer warten. Als Michael Meyer und Sven Wanders vom Meyer-Hosen-Vorstand erfahren, dass es nun an stabilen Wäschekörben und Kleiderständern fehlt, erklären sie sich spontan dazu bereit, erneut zu helfen. Koordiniert werden die vielfältigen Hilfsangebote vom Organisationsteam der Flüchtlingshilfe. Dazu haben sich mehrere kleinere Teams gebildet, die sich speziellen Aufgaben widmen, wie der Organisation eines Fests der Kulturen am 31. Mai im Denklinger Burghof. Die Hilfsbereitschaft und Offenherzigkeit der Reichshofer schätzen auch die Flüchtlinge selbst, die von den Ehrenamtlichen freundschaftlich als neue Nachbarn bezeichnet werden.

Abdul R. kam aus Syrien nach Reichshof. Trotz allem, was er zurücklassen musste und erlebte, ist er dankbar für die Freundschaft und Hilfsbereitschaft, die er hier erfährt. Doch auch diese stößt an ihre Grenzen. Gerne würde der Chirurg aus Vorderasien öfters Deutschunterricht erhalten, um die Sprache möglichst schnell zu lernen. Tagtäglich kämpft er mit Sprachproblemen, beispielsweise bei Besuchen bei Ärzten oder Ämtern. „Mehr als eine Unterrichtseinheit pro Woche können wir aber nicht leisten“, erklärte das Ehepaar Gerhard und Martha Takler von der Kirchengemeinde, die sich beide ebenfalls für die Flüchtlinge engagieren.

Auch von anderen Problemen erzählen die Ehrenamtlichen. So gibt es beispielsweise viele Spenden für die neuen Nachbarn, aber nicht genug Raum, um sie zu lagern. Menschen, die Serbisch, Mazedonisch oder Albanisch sprechen, werden ebenfalls gesucht, um beispielsweise Briefe von Ämtern zu übersetzen. Auch die zahlreichen Fahrdienste, zu Ärzte oder Ämtern, können die Ehrenamtlichen zeitlich nicht immer leisten. „Und wie soll ein Flüchtling ohne Auto von Hunsheim nach Dortmund zum Ausländeramt kommen?“, gab Gerhard Takler zu bedenken. Doch auch wenn die Ehrenamtlichen und ihre neue Nachbarn im Alltag immer wieder auf Grenzen stoßen, sind sie sich einig, dass die Arbeit Freude macht. „Und dabei geht es nicht nur um Hilfsbereitschaft“, so Maaß, „unsere neuen Nachbarn gehören mittlerweile zu uns und bereichern unsere Gemeinde auf ihre ganz eigene Weise.“


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